Feministische Ökonomie

 

Wohlfahrt und Wirtschaft werden in der Ökonomie in der Regel als Gegensatzpaare behandelt. Dies verstellt den Blick darauf, dass Wohlfahrt eine Voraussetzung für die ökonomische Entwicklung darstellt. Doch wer in unserer Gesellschaft stellt Wohlfahrt her. Gemeinhin wird argumentiert, dass dies eine staatliche Aufgabe ist. Dass ist sicher richtig, aber diese Betrachtung lässt einen großen Aspekt von Wohlfahrt außer Acht. Die

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unbezahlte und die schlecht bezahlte Reproduktionsarbeit. Vor allem in der Bundesrepublik Deutschland, die auf dem Gender Auge blind ist. Die Grundlagen um eine geschlechtergerechte Betrachtung von Politik zu entwickeln fehlen in vielen Fällen. Wir wissen dass Frauen für die gleiche Arbeit weniger verdienen, meistens von vorne herein in schlechter bezahlten Jobs ihr Geld verdienen. Überdurchschnittlich in Teilzeit arbeiten und die meisten Medi- und Mini-Jobs besetzen. In der Regel die familiäre erzeugt Reproduktionsarbeit leisten und deshalb doppelt und dreifach Belastungen ausgesetzt sind. Zu meist werden einzeln Aspekte dieser Lebenswirklichkeit betrachtet und zum Teil auch Veränderungen von Teilen dieser Lebensbedingungen aufgearbeitet. Aber die gemeinhin übliche Betrachtung der Wirtschafts- und Finanzkrise verdeckt, dass Frauen auf Grund ihrer Position innerhalb des Wirtschaftsgefüges anders betroffen sind als Männer und welche strukurelle Funktion sie einnehmen.

Es ist an der Zeit eine Gesamtschau der Lebensbedingungen von Frauen in der Krise in Deutschland ins Auge zufassen. Vor allem die ökonomischen Bedingungen und ihre Folgen. Ein guter Betrachtungszeitraum ist die Zeit seit 1990, die die Lebenswirklichkeit von Frauen im Ost und im Westen im Blick hat. Ziel muss es sein ein klares Bild von den langen ökonomischen Entwicklungslinien der Situation von Frauen in unserer Ökonomie zu zeichnen, die Veränderungsprozesse durch die Krise und ihre Folgen in den Blick zu nehmen und die Lücken in der Datenlage aufzuzeigen.

http://www.taz.de/1/berlin/tazplan-programm/artikel/?dig=2012%2F10%2F23%2Fa0173&cHash=28ae9ff9f405d66445df3808c2858ad5

Umverteilung

Frauenarmut und Finanzmarktkapitalismus sind zwei Seiten der gleichen Medaille

Ungerechte Verteilung ist historisch gesehen das beherrschende Moment der europäischen Geschichte, wie wir sie heute kennen. Überall dort wohin Menschen aus Europa emigriert sind, haben sie diese ungerechte Verteilung importiert. Der Kapitalismus, in seiner heute zugespitzten Form als Finanzmarktkapitalismus, hat seine geistige Wiege in Europa. Das bedeutet, dass Europa und die anderen westlichen Industrienationen auf Grund einer ausbeuterischen Herrschaftsstruktur ihren Wohlstand finanzieren. Solange Ausbeutung über Herrschaftsstrukturen moralisch durch Kultur oder Religion legitimiert ist, wird sie auch stattfinden. Sowohl die Idee, dass Reichtum ein Ausdruck göttlicher Zuwendung ist als auch die Idee von der Frau als Dienerin des Mannes, bilden seit Jahrhundert die rechtfertigende ideologische Basis europäisch geprägter Gesellschaftssysteme. Zu oft unterschlägt die rein aus der Ökonomie abgeleitete Kritik der bestehenden Verhältnisse die kulturhistorischen und ideologischen Determinanten der bestehenden Verhältnisse. Es war deshalb ein Zeugnis obszöner Offenheit als der Vorstandsvorsitzende von Goldmann & Sachs der Welt mitteilte, dass er und seine Bank ohnehin nur den Willen des Allmächtigen vollstrecken. Deswegen greift ein rein funktionaler Umverteilungsansatz zu kurz, wenn er nicht von einer geistig-moralischen Wende begleitet wird.

In den westlichen Gesellschaften herrschen auf dieser Grundlage mehrere, sich verstärkende Ausbeutungsprinzipien: Neben der Umverteilung von unten nach oben steht die ebenso ideologisch und staatlich legitimierte, spezifische Umverteilung zu Lasten von Frauen sowie die Ausbeutung von Menschen des globalen Südens.

Die Fakten:

Frauen besitzen, nach Angaben der OECD, 2 % des weltweiten Vermögens.

Alleinerziehende Frauen haben das höchste Armutsrisiko, es liegt nach Berechnungen des Bundesministeriums für Arbeit und Soziale auf Basis SOEP 2010, im Jahre 2009 bei 43,4 % und ist seit 1998 um 10 % gestiegen.

Frauen sind arm, auch wenn sie arbeiten, denn die Beschäftigungsquote von Frauen hat sich in den vergangen Jahren bundesweit positiv entwickelt, auch im Osten. Gleichzeitig hat sich die Zahl der in Vollzeit beschäftigten Frauen deutlich verringert. Frauen arbeiten vermehrt in Teilzeitbeschäftigung und in nicht sozialversicherten Arbeitsverhältnissen.

Erwerbstätigenquote:

Insgesamt Frauen
2007 72,9% 66,7%
2008 74,0% 67,8%
2009 74,2% 68,7%
2010 74,9% 69,6%
2011 76,3% 71,1%

Quelle: Erwerbstätigenquote für 20-64 Jährige aus der Arbeitskräfteerhebung (Eurostat)

Abbildung 2.12: Abhängig erwerbstätige¹ Frauen und Männer mit normalerweise geleisteten Arbeitsstunden je Woche in Deutschland 2004 (in %)

1 Zu den abhängig Erwerbstätigen zählen alle Personen, die in einem Arbeitsverhältnis stehen wie Beamte/ -innen, Angestellte, Arbeiter/-innen und Auszubildende, auch Personen in Elternzeit. Selbstständige, Freiberufler und mithelfende Familienangehörige zählen nicht zu den abhängig Erwerbstätigen. Datenbasis: Mikrozensus Quelle: Statistisches Bundesamt: 2005a

Die Darstellungen machen deutlich, wie frauendiskriminierend sich der deutsche Arbeitsmarkt darstellt. Frauen lohnarbeiten weniger, verdienen weniger und diese Situation hat sich in den letzten 10 Jahren auch noch erheblich verschlechtert.

Der Anteil der Frauen mit Armutsrisiko ist von 1998 bis 2009 von 11,4% auf 16,7% gestiegen. Die Steigerungsrate beträgt 5,3 %. Die Zahl der von Armut bedrohten Männer von 9,4% auf 13,9%, die Steigerungsrate beträgt 4,5 %. (Quelle: Berechnungen im BMAS auf Basis SOEP 2010).

Das Erwerbseinkommen von Frauen liegt bei gleichem Arbeitsumfang seit Jahren bei ca. 77 % des Einkommens eines Mannes. (Quelle: Eurostat).

Die steuerliche Belastung von Frauen ist durch das Ehegattensplitting und die Steuerklasse 5 im unteren Einkommensbereich um ca. 200 % höher als das der Männer. (Quelle:  Vortrag: Stephan Bach, DIW, Geschlechterbezogene Verteilungswirkungen der Besteuerung in Deutschland, Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 8.11.2012.)

 

Fazit:

Finanzmarktkapitalismus und die Gesetzgebung der Agenda 2010 haben die Umverteilung von unten nach oben verschärft, vor allem auch zu Lasten von Frauen.

Konkret bedeutet das: Frauen arbeiten mehr und verdienen weniger als Männer. Frauen mit Kindern, Migrantinnen und Schwarze Frauen sind die bevorzugten Opfer eines politisch-ökonomischen Systems, das gleichzeitig sein Demographieproblem beklagt und als Begründung für weitere Privatisierung von Lebensrisiken benutzt. Zum Beispiel fehlt Frauen für die private Altersvorsorge das Geld. Private Altersvorsorge ist zudem wesentlich teuer als etwa die betriebliche Altersvorsorge. Bis zum Jahresende 2012 sind Frauen darüber hinaus in der privaten Altersvorsorge schlechter gestellt als Männer.

Die Verteilung des Armutsrisikos wird über den Zugang zu bezahlter Beschäftigung gesteuert. Der überproportionale Verweis von Frauen auf schlechter bezahlte Arbeitsverhältnisse, auf Teilzeitarbeit und geringfügige Beschäftigungsverhältnisse erzeugt Frauenarmut. Zusätzlich wirkt das spezifische deutsche Steuersystem zum Nachteil von Frauen. Verstärkt wird diese Segregation des Arbeitsmarktes zusätzlich durch die Doppelbelastung von Frauen durch Reproduktionsarbeit und Erwerbsarbeit. Der Begriff Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nach wie vor ein spezifisches Frauenthema.

Sofort umsetzbare Konsequenzen:

1. die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns von mindestens  10 Euro;

2. die gesetzliche Verankerung von gleichem Lohn bei gleicher Arbeit;

3. das Verbot von prekären sozialversicherungsfreien Beschäftigungsverhältnissen;

4. Abschaffung des Ehegattensplittings und stattdessen Einführung der Individualbesteuerung mit stärkerer Berücksichtigung von zu leistender Sorgearbeit von Kindern oder älteren Menschen;

5. Einbeziehung aller Einkommensarten in die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme.

Für ein neues Denken:

Die Überwindung von Finanzmarktkapitalismus und Frauendiskriminierung setzt ein neues Denken voraus. Solange wie bisher, an Schulen und Hochschulen ganze Generationen unreflektiert zur Einordnung in Geschlechterrollen und Marktsysteme erzogen werden, kann eine emanzipatorische und gerechte Gesellschaft nicht entstehen. Die normative Wertzuweisung unserer Verfassung bleibt eine Leerformel, wenn die Erziehungs- und Bildungsinhalte nicht fundamental geändert werden. Der Vorrang humanitärer und egalitärer Werte vor der Ökonomie und die Durchsetzung eines Denkens, das der Ökonomie eine rein dienende Funktion zuweist, stellt den notwendigen Paradigmenwechsel dar. Ohne diesen Paradigmenwechsel werden Frauen und Männer Dienerinnen und Diener eines weltumspannenden Feudalsystems bleiben, das sich als angeblich alternativlose Marktlogik tarnt, in Wahrheit aber nur die Herrschaft weniger über Menschen und Natur meint.

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